Berühmt für seine kräftigen, malzigen Schwarztees mit dunkler Farbe und vollem Körper stammt Assam-Tee aus dem nordöstlichen indischen Bundesstaat Assam entlang des Brahmaputra. Als eine der größten Teeanbauregionen der Welt liefert Assam rund 55 % der gesamten indischen Teeproduktion. Mit über 800 großen Plantagen und Tausenden kleiner Gärten stellt die Region einen bedeutenden Anteil des weltweiten Schwarzteeangebots. Während große Plantagen die industrielle Produktion dominieren, beschränkt sich der Bio-Anbau meist auf kleine Familienbetriebe und Kleinbauern, denen oft die Mittel fehlen, um international zu exportieren.
Die Teeindustrie in Assam: Struktur und Dimension
Im Gegensatz zu kleineren Teeregionen wie Darjeeling oder den Nilgiri-Bergen ist die Teeproduktion in Assam eine großindustrielle Angelegenheit. Innerhalb dieses Systems stehen Effizienz, Ertrag und gleichbleibende Qualität im Vordergrund. Während einige Plantagen orthodoxe Tees herstellen und Wert auf Qualität sowie Nachhaltigkeit legen, handelt es sich bei der Mehrheit um große, unternehmensgeführte Betriebe, die in hohen Mengen CTC-Tee (Crush, Tear & Curl) produzieren und dabei auf moderne Anbaumethoden – einschließlich des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln – setzen.
Dieser Fokus ist weniger Ausdruck von Nachlässigkeit oder Gewinnstreben als vielmehr wirtschaftlicher Realität. Steigende Lohnkosten, höhere Energiepreise und zunehmende logistische Herausforderungen haben die Produktionskosten deutlich erhöht. Gleichzeitig erschweren klimatische Veränderungen wie unregelmäßige Niederschläge, extreme Hitze und saisonale Überschwemmungen die Sicherung von Erträgen und Qualität.
Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Assam
Auf den Teeplantagen in Assam werden traditionell Pflanzenschutzmittel wie Thiacloprid eingesetzt, um Schädlinge wie die gefürchtete Tea Mosquito Bug zu bekämpfen. Diese Mittel werden in Indien von der zuständigen Behörde (CIBRC) in Zusammenarbeit mit dem Tea Board of India reguliert, mit dem Ziel, die Ernte zu schützen und gleichzeitig Umweltbelastungen zu begrenzen.
EU-Verordnungen und ihre Auswirkungen auf Assam-Tee
Der unmittelbarste Grund für die Verknappung von Assam-Tee in Europa ist die drastische Senkung der zulässigen Rückstandshöchstmenge für Thiacloprid in landwirtschaftlichen Importen.
Im Jahr 2020 verbot die EU den Einsatz von Thiacloprid innerhalb ihrer Mitgliedsstaaten aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen, ließ jedoch zunächst Importtoleranzen von bis zu 10 mg/kg zu. Nach weiteren wissenschaftlichen Bewertungen und im Zuge der Angleichung an das interne Verbot wurde mit der EU-Verordnung 2024/2711 (in Kraft seit 2025) der Grenzwert auf die technische Nachweisgrenze von 0,01–0,05 mg/kg abgesenkt.
Obwohl diese Regelung nicht speziell auf Tee abzielt, trifft sie Assam besonders stark. Viele konventionell arbeitende Plantagen, die bislang auf Thiacloprid angewiesen waren, können die neuen Grenzwerte nicht mehr einhalten. Dadurch verringert sich die Menge an Tee, die überhaupt noch nach Europa exportiert werden darf, erheblich.
Ist Bio-Tee eine Alternative?
Ja und nein. Bio-Assam-Tees werden ohne synthetische Pflanzenschutzmittel produziert und sind daher von den neuen EU-Regeln nicht betroffen. Allerdings war Bio-Tee aus Assam schon immer knapp, da die Erträge im Vergleich zur konventionellen Produktion geringer sind. Mit steigender Nachfrage und gleichzeitig sinkendem Angebot konventioneller Ware wird Bio-Assam zunehmend begehrt – ist jedoch schwer verfügbar und entsprechend teurer.
Sind Teemischungen wie English Breakfast Tee betroffen?
Ja, auch klassische Mischungen wie English Breakfast, Irish Breakfast oder Ostfriesentee sind betroffen. Diese Blends basieren oft auf dem kräftigen, malzigen Charakter von Assam, der für Körper, Farbe und Tiefe sorgt. Durch die Verknappung greifen viele Hersteller inzwischen auf Alternativen wie Tees aus Kenia oder Ceylon zurück. Diese können Stärke und Farbe liefern, erreichen jedoch meist nicht ganz die typische malzige Fülle von Assam. Für Konsumenten bedeutet das: Die beliebten Mischungen bleiben verfügbar, können sich geschmacklich jedoch leicht verändern.
Fazit und Alternativen zu Assam-Tee
Die Knappheit von Assam-Schwarztee in Europa ist das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Faktoren: industrieller Produktionsdruck, steigende Kosten, klimatische Veränderungen und strengere EU-Vorschriften für Pflanzenschutzmittel. Für alle, die den charakteristischen malzigen Geschmack nicht missen möchten, bieten chinesische Schwarztees – insbesondere aus Yunnan, wie etwa China Golden Yunnan Mao Feng – eine gute Alternative. Sie stammen aus derselben Teepflanzenvarietät, sind mittelkräftig bis vollmundig und zeichnen sich durch eine angenehme malzige, leicht kakaohafte und dezente Süße aus.
Für hochwertige orthodoxen klassische Teemischungen wie English Breakfast oder Irish Breakfast greifen Teemischer meist auf Teesorten aus Kenia zurück, die den belebenden, vollmundigen Geschmack bieten, der für Teesorten, die oft mit Milch getrunken werden, gewünscht ist.